Vor der legendären Fahrt ins Blaue

 

Probenmitschnitt aus Wien 1982 aufgetaucht

 

Bin ins Blaue gefahren Diese Notiz hinterließ Carlos Kleiber den fassungslosen Wiener Philharmonikern, als er im Dezember 1982 das Orchester mitten in einer Probe entnervt und erzürnt sitzen ließ. Damit platzte ein Großprojekt mit mehreren Konzerten, Schallplatten- und Fernsehaufnahmen. Lorin Maazel sprang zwar in letzter Minute ein, aber das Verhältnis zwischen Kleiber und den Philharmonikern war vorerst zerrüttet. Der Vorfall schien auf spektakuläre Weise Kleibers Ruf eines Absagers und Wegrenners zu untermauern.

Erst 1985 traf er wieder auf Mitglieder der Philharmoniker, als er eine Aufführungsserie von La Bohème in der Staatsoper dirigierte. Am Pult der Philharmoniker stand Kleiber endlich im Jahr 1988 wieder, was die Versöhnung besiegelte.

Die Hintergründe dieser Angelegenheit habe ich ausführlicher in meinem Buch erläutert. Als dieses entstand, wusste ich indessen nicht, dass die Probe mit den Wiener Philharmonikern zu Beethovens vierter Sinfonie am 9. Dezember 1982 inoffiziell komplett aufgezeichnet wurde. Dieser unveröffentlichte Tonmitschnitt ist natürlich ein spannendes Dokument, das meine Ausführungen in der Kleiber-Biografie stützt. Deutlich hört und spürt man, wie wenig Kleiber und das Orchester zusammenfinden. Die Philharmoniker können oder wollen dem Dirigenten nicht folgen, seinen Willen nicht erfüllen. Kleiber müht sich unzufrieden und mit wachsendem Groll fast eine Stunde lang ab, bis er schließlich wohl kurz vor dem Ausbruch eine Pause ansetzt, um dann das Weite zu suchen.

Zum Problem wurde der zweite Satz. Kleiber erwartete, dass die Philharmoniker diesen "mit Liebe" spielen. Unzufrieden mit dem Ergebnis, versuchte Kleiber die Fantasie der Musiker mit "Marie" und Therese, Therese" anzuregen. Diskussionen im Orchester waren die Folge nebst einer Stimme, die man tontechnisch bedingt nur bei sehr konzentriertem Einhören vernimmt. "Carlos, Carlos" entfuhr es da wohl einem Philharmoniker. Vermutlich war es gerade diese Ironie, die das Fass zum Überlaufen brachte. Später indessen soll er sich darüber selbst lustig gemacht haben und erzählte einem Freund, der Einspringer Lorin Maazel hätte dann vom Orchester verlangt: "Spielen Sie Maazel, Maazel!".

Derartige Probenmitschnitte in Ton oder Bild, von denen ja bereits einige veröffentlicht wurden, gewähren einen unmittelbaren Einblick in Kleibers Werk- und Musikverständnis, seine Arbeitsweise und auch in Eigenheiten seines Wesens.

Beispielsweise gibt es auch Bänder von Kleibers Probenarbeit für seine Schallplatteneinspielungen in Dresden, und zwar des Freischütz 1973 und des Tristan 1980/81. Diese anzuhören, war mir allerdings nicht vergönnt. Es ist anzunehmen, dass noch weitaus mehr solcher Dokumente existieren. Einmal mehr darf man also gespannt sein.

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