RADIOFEUILLETON vom 28. Dezember 2007

 

 

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Kritik vom 28. Dezember 2007

 

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Über den großen Unbekannten

Alexander Werner: "Carlos Kleiber", Verlag Schott 2008, 589 Seiten

 

Er galt als einer der meistgesuchten Dirigenten: Carlos Kleiber. Doch nur selten trat dieser große Unbekannte an das Dirigentenpult. Er scheute die Öffentlichkeit. Nun erscheint eine erste Biografie des 2004 verstorbenen Künstlers, der bis über seinen Tod hinaus ein Rätsel für die Musikwelt blieb.

Der badische Journalist Alexander Werner, Jahrgang 1961, nennt diese erste deutschsprachige Biografie des 2004 gestorbenen Ausnahmedirigenten "sicherlich nicht die letzte und sicher auch keine letztgültige". Damit wird er recht haben, nicht nur wegen der Faszination seines Gegenstandes, dessen geheimnisumwitterte Aura sich in Kleibers letzten Jahren bereits ins Legendäre verdichtete; sondern auch insofern, als er mit diesem Satz die eigene Leistung relativiert, denn dass solche Bescheidenheit, trotz des opulenten Umfangs von nahezu 600 Seiten, nicht gespielt ist, erfährt man am besten aus dem Buch selbst:

Wir finden hier keine essayistisch angelegte, den Autor gleichberechtigt neben seinem Gegenstand präsentierende Auseinandersetzung mit Carlos Kleibers Vita, sondern zunächst einmal eine enorm fleißige und kompetente Materialsammlung.

Nicht romanhaft und nicht einmal feuilleton-journalistisch, sondern eher nachrichtenhaft und archivarisch, obwohl dennoch mit spürbarer Leidenschaft, wird hier ein Lebensweg nachvollzogen, der in seiner Verflechtung mit den Entwicklungen der Kulturindustrie schon an sich hoch interessant wäre, aber durch die exzentrische Sensibilität des Künstlers, dessen Kultstatus in der Klassikgemeinde und seine außerordentlich schmale diskografische Hinterlassenschaft zusätzlich eine quasi romantische Komponente erhält.

Werner hat für dieses Buch, dessen Idee noch zu Lebzeiten des Dirigenten entstand, eine gewaltige Anzahl von Interviews und Quellenstudien in Angriff genommen, deren Verzeichnis allein über 40 kleingedruckte Seiten einnimmt. Auf diese Weise hat er viele beeindruckende, sehr persönliche und selbst noch in der partiellen Distanz von Faszination geprägte Statements zu Kleiber erhalten, daneben freilich auch allerlei Nichtssagendes, indessen selbst darin Zeitgeist-Charakteristisches.

Ein positiver Nebeneffekt solcher Fleißarbeit besteht in der Richtigstellung mancher falsch überlieferten Abläufe und Daten zum Beispiel hinsichtlich etlicher auf dem "grauen Markt" umgehenden Mitschnitte des Künstlers. Einige Vor- und Rücksprünge innerhalb der Datierungen nimmt man angesichts dieser grundlegenden Präzision gern in Kauf, weil sie bei der nicht pur chronologischen, sondern nach Wirkungsstätten geordneten Herangehensweise Werners letztlich nicht völlig auszuschließen sind.

Dass sich der Autor als Subjekt über weite Strecken sehr stark hinter die von ihm referierte Meinungsvielfalt zurücknimmt, kann man als Tugend sehen, muss es aber nicht. Zwar kommt ein Bild der schillernden Persönlichkeit C.K. gerade auch dadurch zustande, dass sich bisweilen kontroverse Ansichten nahezu unkommentiert gegenüberstehen; doch hinsichtlich des allgemein- und kulturpolitischen Umfeldes, in dem Kleiber sich bewegte, wären personell wie sachlich - zugegeben nur um den Preis einer weiteren Ausdehnung des Umfangs - viel mehr Farben möglich gewesen.

So erscheint mancher mehr oder weniger prominente Zeitzeuge nur mehr als bloßer Stichwortgeber, selbst Personen des näheren Umfeldes wie zum Beispiel Kleibers Mutter Ruth bleiben seltsam vage, und ein - sicher auch für den bei München lebenden Dirigenten nicht völlig unbeträchtliches - Ereignis wie die Wiederherstellung der deutschen Einheit 1990 wird nicht einmal erwähnt.

Hinsichtlich der Solidität der Faktenaufbereitung wird man an Alexander Werners engagiertem Projekt zukünftig kaum mehr vorbeikommen oder besser gesagt: Man wäre töricht, wollte man diesen Reichtum an Quellenstudien, zudem sorgfältig, wenn auch nicht perfekt lektoriert, nicht nutzen. Aber letztlich geht es wohl bei einer solch exzessiven, exzentrischen und widersprüchlichen Persönlichkeit doch nicht ohne eine gewisse ergänzende Fantasie und den Mut zu Spekulation und Subjektivität, wenn ein Buch herauskommen soll, das seinem Gegenstand sozusagen auf Augenhöhe begegnet.

Die Grundlagen sind gelegt und vielleicht könnte es sogar der Autor selbst sein, der sie in einem weiteren Schritt ausbaut zu einer sensationellen Auseinandersetzung mit einem sensationellen Künstler.

Rezensiert von Gerald Felber

 

 

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