Alexander Werner: Carlos Kleiber. Eine Biographie

Online-Rezension vom 12.11.2008

 

Anmerkungen zur Rezension von Clemens Höslinger

 

Über Carlos Kleiber, das spürt man beim Lesen dieser Zeilen, hatte der Rezensent wie es scheint längst eine feste und kritische Meinung. Was er gerne in einer Biografie über Kleiber gelesen hätte, legen seine Ausführungen nah. Meine umfangreichen Forschungen aber ergaben ein anderes, wesentlich differenzierteres Bild vom Wesen und Wirken Carlos Kleibers, das sich keinesfalls auf eine gestörte Psyche zurückführen oder auf die angebliche Essenz großartige Konzerte und schwieriger Mensch reduzieren lässt. Die Tragik seiner Karriere spiegelt sich wider in einem beständigem Kampf um die Kunst, in einem Kampf gegen starre Apparate und Routine und eben auch in der tiefen Erkenntnis, dass das Leben, das seinem Vater wider Willen aufgezwungen wurde, für ihn nicht erstrebenswert war. Ärmlich oder statisch war Carlos Kleibers sehr spannender Lebensroman gewiss nicht. In ihn einzudringen, vermochte ich nicht alleine dank einer Vielzahl persönlicher Dokumente, sondern eben auch dank so vieler facettenreicher Aussagen von Zeitzeugen aus allen Phasen und zu den unterschiedlichsten Aspekten von Kleibers Leben, darunter nicht alleine die Großen, sondern eben auch ein musikbegeisterter Bühnenarbeiter, der in seiner Studienzeit Gelegenheit hatte, Kleiber hinter den Kulissen aus nächster Nähe zu beobachten. Kleibers Leben gäbe genug Stoff für einen Roman, doch eine Biografie kann und soll keine Dichtung sein. Dass Gontscharows Oblomov zu Kleibers Lieblingsbüchern zählte, mag etwas aussagen, allein die sprühende Ironie des Buches wird ihn köstlich amüsiert und die Titelgestalt seine kokette Selbstironie beflügelt haben doch sollte man nicht übersehen, dass gegensätzlicher zwei Wesen wie Kleiber und Oblomov nebst ihren Lebensumständen kaum sein könnten.

 

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Alexander Werner
Carlos Kleiber
Eine Biographie

590 S., 36 sw Abb.

29,95 €

Detailabbildung
    



Hat es jemals eine derartig ausführliche Biographie eines interpretierenden Musikers gegeben? Wohl kaum. Was der Autor Alexander Werner in seinem Buch über den Dirigenten Carlos Kleiber auf fast sechshundert eng bedruckten Seiten zusammenträgt, stellt eine Rekordleistung dar. Fast gewinnt man den Eindruck, der Verfasser sei seinem Idol auf allen seinen Künstlerpfaden nachgereist und habe alles eingesammelt, was sich an Bedeutendem und weniger Bedeutendem zugetragen hat. Wobei hier gleich ein problematischer Punkt angesprochen wird: der Verfasser ist unbedingter Bewunderer des Dirigenten Carlos Kleiber und gerät dadurch fallweise in die Gefahrenzone der „blinden Meinung“.

Carlos Kleiber war zweifellos eine der faszinierendsten Gestalten der neueren Musikgeschichte, hochbegabt, doch mit einem komplizierten, labilen Seelenleben behaftet. Ein Verweigerer, der sich ganz bewußt außerhalb der gängigen Normen gestellt hat, unberechenbar, oft genug auch unzuverlässig. Dieser Künstlertypus – aus auch anderen Bereichen bekannt – nimmt für das Publikum leicht die Aura des Interessanten und Geheimnisvollen an. Andererseits: Dirigenten, die nicht dirigieren, Sänger, die nicht singen, Schauspieler, die nicht spielen, – das führt im Kulturbetrieb unvermeidlich zu Kollisionen, auch wenn die betreffenden Künstler noch so „interessant“ sind.

Bei Carlos Kleiber lagen die Dinge tiefer. Vieles, was als pure Marotte eines exzentrischen Künstlers angesehen wurde, hatte seine Ursache in einer gestörten, verwundeten Psyche. Die Macht und Übermacht des Vaterbildes hat ihn zeitlebens verfolgt und bedrückt. Seinen Vater, den berühmten Dirigenten Erich Kleiber, hat er wie ein Heiligtum verehrt, es war aber eine Verehrung der angstvollen Art und erzeugte in ihm das Bewußtsein, die Größe des Vorbildes nicht erreichen zu können. Diesen teils berechtigten, teils unberechtigten Komplex konnte er niemals überwinden. Gewiß sieht sein Lebensroman – gemessen an jenem seines Vaters – ziemlich ärmlich aus, sein Wirken fiel in eine gleichsam geschichtslose Zeit, dadurch herrscht in seiner Biographie fast nur Statistisches vor: langsamer, unauffälliger Beginn, dann Erfolge, Konzerte und Opern da und dort, dazwischen geplatzte Vorstellungen oder Plattentermine und die dazugehörigen Skandale. Eigentlich recht wenig, gemessen an der aufregenden Lebensgeschichte Erich Kleibers, in der sich Höhe und tiefer Fall, kurz die ganze Tragik eines grausamen Zeitalters wiederspiegelt. Doch das macht die Lebensläufe dieser Künstler so fesselnd, ganz gleich, ob sie Erich Kleiber, Fritz Busch, Bruno Walter, Otto Klemperer heißen. Was bei Carlos Kleiber vollkommen fehlt, ist das couragierte Mitgestalten des musikalischen Gegenwartslebens, das Durchsetzen unerkannter Werke, überhaupt das Sich-Exponieren für Gerechtigkeit in Kunstdingen. Er hat – namentlich in seinen letzten Lebensabschnitt, als weltweit berühmter Mann – immer nur dieselben längst approbierten Werke dirigiert, darunter Rosenkavalier, Carmen, Tristan, Fledermaus, Freischütz-Ouvertüre, Heldenleben.

Bleibt also doch nur der Mythos, der sich schon sehr früh über den ebenso wunderlichen wie wunderbaren Künstler gelegt hat. Alexander Werner hat sich die größte Mühe gegeben, alle Stationen dieses Künstlerlebens aufzuzeichnen und aus den ußerungen von Zeitgenossen und Weggefährten eine Charakteristik des Musikers herauszuformen. Er hat eine wahre Unzahl von Opernkünstlern, Orchestermusikern ausgefragt, Berühmte und Unberühmte, bis hinab zu Statisten und Bühnenarbeitern, er bringt Auszüge aus Tageskritiken (oft erstaunliche Banalitäten, selbst von illustren Autoren) – in Summe eine wahre Riesenarbeit. Und was ergibt sich aus der Materialsammlung? Im Grunde sagen alle dasselbe: Carlos Kleiber hat großartige Konzerte und Opernaufführungen geleitet, immer wieder die sogenannten „Sternstunden“ heraufbeschworen, aber als Mensch war er schwierig. Gut, das wußte man bereits. In Werners Buch wird diese Feststellung gleichsam auf Zeitlupentempo ausgedehnt, jeder einzelne Vorfall wird beschrieben, auch wenn die Situationen in den meisten Fällen einander ganz ähnlich sind. Übermäßige Ausführlichkeit – das ist der Haupeinwand, dem man dem Verfasser entgegenhalten muß. Alexander Werner hätte sich die Anfangsworte aus Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“ als Rezept nehmen sollen: Dort wird ein umständlicher, langmächtiger meteorologischer Bericht mit allerlei komplizierten Fachausdrücken wiedergegeben. Und dann heißt es ganz lapidar: mit einem Wort – es war ein schöner Augusttag.

Carlos Kleiber hat großartige Aufführungen geleitet und er war ein schwieriger Mensch. Das ist die Essenz dieses voluminösen Bandes. Viel zuwenig wird auf die psychologische, auf die tragische Seite dieses Künstlerlebens eingegangen. Sagt es nicht viel aus, daß der Roman „Oblomow“ des Russen Gontscharow ein Lieblingsbuch Kleibers war? Ein tiefgreifendes Menschen- und Charakterbild des Musikers Carlos Kleiber wird uns vielleicht erst ein Dichter vom Rang eines Thomas Bernhard schildern können.

Als gründliche und zuverlässige Dokumentation besitzt Werners Arbeit zweifellos Wert. Bibliographie, Disco- und Videographie – alles perfekt, auch der Bildteil.

Ein paar unwesentliche Korrekturen: Kurt (nicht Karl) Preger war Sänger, aber nicht Volksoperndirektor (S. 55), gemeint ist wohl Karl Dönch. Einmal ist von Schuberts dreihundertstem Geburtstag (1997) die Rede (S. 253). Die „Kleine Zeitung“ (mehrmals) erscheint in Graz, nicht in Wien.
Clemens Höslinger (12.11.2008)

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