Der unnahbare Carlos Kleiber
Die erste große Biografie über den Ausnahmedirigenten dokumentiert das
Phänomen bewundernswert, doch sie ergründet es nicht

von Clemens Trautmann

 

Ausgabe vom 16. März 2008

Klassik/Bücher

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Anmerkungen zur Rezension von Clemens Trautmann in Welt am Sonntag"

 

Es erstaunt mich, wenn vom Phänomen" Kleiber gesprochen wird, das ich angeblich in meiner Biografie nicht ergründet haben soll. Nun, so wie ich das sehe und offenbar viele andere auch, ist mir das durchaus gelungen.

Wer das Buch genau liest, wird alles zu diesem Thema finden. Kleiber war ja kein Mensch und Musiker von einem anderen Stern. Was ihn auszeichnete, war ein überragendes musikalisches Naturtalent, das sich entfalten wollte und gleichzeitig in jungen Jahren vom Vater Erich Kleiber geformt wurde, im Willen, Mittelmäßigkeit niemals zu dulden. Auch, dass dies nur mit harter Arbeit zu erreichen ist, lernte Carlos von seinem Vater. Kleiber studierte und korrigierte die Partituren akribisch, frischte sie mit seinen Einzeichnungen und unkonventionellen Bogenstrichen auf, besaß ein geniales Gespür für Rhythmik und Präzision, für packende Tempi und poetische Tiefe. Die Werke im Sinn ihrer Schöpfer erklingen zu lassen, das war Carlos Kleibers innerstes Bedürfnis. Dafür lebte, arbeitete und kämpfte er hartnäckig gegen die Routine des Opern- und Konzertalltags. Dass er allzuoft fast verzweifelte, dieses Ziel, das Ideal, dass ihm in seinem Kopf vorschwebte und ihn zum einzig wirklich schöpferischen Dirigenten machte, zu erreichen, erklärt seine so oft missverstandenen oder als Eskapaden verschrienen Verhaltensweisen und auch seinen langsamen Rückzug.

 

Bei allem spielt natürlich auch Kleibers Wesen eine entscheidende Rolle. Als hochintelligenter, empfindlicher, äußerst lebenslustiger und freidenkender, perfektionistischer und selbstkritischer Mensch, der auch von anderen alles abforderte, tat er sich schwer mit verkrusteten Abläufen und nicht zuletzt im fortschreitenden Alter mit dem Leben überhaupt. Ohne sein sprühendes Temperament, seine oft schier unerschöpfliche Energie, seine Spontaneität, seine enorme persönliche Ausstrahlung, seine Fähigkeit, Musikern mit seiner sprachlichen und musikalischen Imagination ein neues Verständnis für Musik zu vermitteln und sie zu Höchstleistungen zu inspirieren, ohne seine imposante Erscheinung und seinen ästhetischen Dirigierstil, wäre seine Wirkung am Pult undenkbar. Das Tempo, das Kleiber vorlegte, die Intensität seiner Deutungen resultierten aus dem Feuer das in ihm loderte und aus den Spannungen, die sich in den Aufführungen Musiker und Publikum elektrisierend lösten. Schon in frühen Jahren zog er so seine Hörer in Bann. Und wie sonst hätte der Funke Kleiber auch in spontanen Übernahmen gezündet? Und wäre der nicht auch ohne Kleibers so akribischen Umgang mit dem Notenmaterial übergesprungen?

Doch das Phänomen Kleiber ist facettenreich. Seine kompromisslose Arbeit mit und an den ihm heiligen Partituren, mit den Orchestern und Ensembles, sein zuweilen an Besessenheit gemahnender Perfektionstrieb und Arbeitswillen, sein Kampf gegen die Routine, seine schöpferische und inspirierende Kraft und sein Idealismus, sein Temperament und seine Persönlichkeit, sein begnadetes Talent und die Liebe zur und das Leben für die Musik - all das macht seine unvergleichliche Wirkung und Größe als Musiker, sein Genie aus, mit dem er so oft gehörte Werke ganz neu erklingen ließ und Menschen in Ekstase versetzte.

Wie jedoch die Musik in Kleibers Kopf ideal geklungen hat, das mag ein Phänomen und wird auf ewig sein Geheimnis bleiben.

 

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