Zürcher Landeszeitung

Zürcher Landzeitung Dienstag, 1. April 2008


Buchbesprechung Der Dirigent Carlos Kleiber wird erstmals mit einer Biografie gewürdigt

Weltmeister der Verweigerung

Er unterschrieb keine Verträge, sagte mehr ab, als dass er auftrat, und paradoxerweise steigerte jede Absage sein Ansehen. Ein Leben lang litt Carlos Kleiber unter Lampenfieber und Erwartungsdruck.

von Werner Pfister

Von allem Anfang an begegnete man ihm mit Skepsis, dem unbekannten Sohn eines sehr bekannten Dirigenten.Daran, unter seinem übermächtigen Vater Erich Kleiber, litt der Sohn Carlos Kleiber ein Leben lang. Der Vater wollte auf keinen Fall, dass der Sohn auch Musiker wird. «Es ist besser, einen anderen Beruf zu ergreifen und die Musik wie einen Garten zu pflegen», mahnte er seinen 18-jährigen Sprössling. Das war noch in Buenos Aires, wo Carlos aufwuchs, nachdem die Familie Kleiber vor der Nazi-Herrschaft nach Südamerika emigriert war. Doch Carlos setzte sich durch und debütierte als Dirigent 1955 in Potsdam. Der Vorsicht halber unter dem Pseudonym Karl Keller. Doch Vater Erich Kleiber kam bereits in die zweite Vorstellung, selbstverständlich inkognito, und er musste unter Tränen gestehen: «Erkanns.» Nur ein knappes Jahr später starb Erich Kleiber, doch der Sohn vermochte dem väterlichen Bannkreis nicht zu entkommen. So dirigierte er vornehmlich jene Werke, die schon sein Vater exemplarisch dirigierte hatte («Rosenkavalier», «Freischütz», «Elektra» und «Tristan»), und das stets aus Vaters Partituren. Und er trat mit Vorliebe dort auf, wo einst auch sein Vater aufgetreten war. Und wenn es nur in Bern war.
Von Potsdam ging es an die Deutsche Oper am Rhein (Düsseldorf/Duisburg), und ab 1964/65 für zwei Spielzeiten ans Zürcher Stadttheater. Doch schien hier keiner wirklich zu merken, wer da vor ihnen stand. Auf Zürich folgte Stuttgart (bis 1972), und hier gelang Carlos Kleiber der Durchbruch zur Top-Elite: Seine Stuttgarter «Carmen» sei besser als die von Karajan in Salzburg oder die von Maazel in Wien, hiess es in der Presse. Dennoch, wo Carlos Kleiber hinkam, wurde er auf seinen berühmten Vater angesprochen. Was ihn derart nervte. dass er sich das radikal verbat. Als der weltberühmte Bassist Gottlob Frick mit Kleiber Wagners «Tristan» machte und ihm stolz seinen Klavierauszug mit einer handschriftlichen Widmung von Erich Kleiber zeigte, riss Carlos Kleiber die Seite ritschratsch heraus mit der bissigen Bemerkung, Frick könne gerne eine Widmung von ihm haben.

Taktloser Dirigent

Mit seinem längst legendären «Rosenkavalier» 1972 in München wurde die Isar-Stadt zum Zentrum seiner Tätigkeit. 1974 hatte Carlos Kleiber ein fulminantes Debüt als «Tristan»-Dirigent in Bayreuth (und vermutlich eine Affäre mit Eva Wagner), 1976 eroberte er sich mit einem Jahrhundert-«Otello» die Mailänder Scala; Wien und London folgten, Berlin und Japan. Wahrlich nicht überall machte er sich beliebt. Der Sopranistin Gundula Janowitz, die ihre erste Marschallin sang, sagte Kleiber wegen eines falschen Tones: «Ich liebe Sie, aber ich würde Sie noch mehr lieben, wenn Sie aufhören würde zu singen.» Die Janowitz ging weinend von der Bühne und reiste ab.
Biograf Alexander Werner listet die einzelnen Stationen dieses zweifellos sehr speziellen künstlerischen Werdeganges fast Konzert für Konzert und Opernaufführung für Opernaufführung auf, langatmig hie und da und manchmal auch etwas langfädig. Umgekehrt imponiert der Reichtum an Recherche, die er betrieben hat, vor allem das Nachfragen bei Orchestermusikern, Sängern und Intendanten nach ihren Eindrücken von Carlos Kleiber. «Man war sein Instrument», so brachte es die Mezzosopranistin Charlotte Berthold auf den Punkt. Klaus Hiemann, Tontechniker bei der Deutschen Grammophon, hatte den Eindruck, dass Carlos Kleiber litt: «Er war spritzig, intelligent, fledermausmässig und wirkte doch wie im Netz einer Spinne gefangen.» Speziell allergisch war Kleiber auf Telefonanrufe: Das Telefon sei nicht dazu da, dass man ihn ständig störe, sondern dass er anrufen könne. Das heisst, man musste ein Telegramm schicken mit der Bitte um dringenden Rückruf. Als die Wiener Staatsoper hingegen einen neuen «Otello» mit Carlos Kleiber plante, musste die Leiterin des künstlerischen Büros wochenlang jeden Tag um elf Uhr bei Kleiber anrufen, um ihn zu fragen, ob der sich nun entschieden habe, die Produktion zu dirigieren. Nach vier Monaten kam sein definitives Nein. Wie ein Raubtier Jedoch, wenn er dirigierte, war es ein einmaliges Fest. In Japan sprangen Zuschauer nach einer Opernaufführung auf die Bühne, nahmen Carlos Kleiber in den Arm und weinten. Umgekehrt zeigten sich Orchestermusiker wiederholt irritiert, weil es Kleiber an Autorität mangelte: «Er hatte so grosses Talent und stand da wie ein Kind.» Er ar unberechenbar, konnte Spass machen und plötzlich toben. Nach der allerersten Probe mit dem Orchester der Bayerischen Staatsoper vertraute sich Kleiber dem Schlagzeuger an: «Die Musiker schauen mich alle so böse an. Ich glaube, die mögen mich nicht.» Umgehend informierte der Schlagzeuger den Orchestervorstand, was zur Folge hatte, dass in der nächsten Probe alle Orchestermusiker freundlich lächelten. Und Kleiber? «Jetzt lachen sie mich alle aus.» Mit seiner überdimensionierten Auftrittsangst machte sich Carlos Kleiberdas Leben zunehmend schwerer. Das zieht sich wie ein roter Faden durch die Biografie: sein Schwanken zwischen leidender Tiefstapelei und überreiztemSelbstbewusstsein, sein Respekt und seine Angst vor jedem Werk und jedem Auftritt, besonders im Aufnahmestudio. «Nur eine nicht produzierte Schallplatte ist eine gute Schallplatte», meinte er.
Wie viele glamouröse Projekte liess ersausen! Das alles liest man nicht ohne Betroffenheit, dieses manische Leiden an der eigenen Grösse, diese Verweigerung allem Mittelmässigen gegenüber. Ein Wiener Philharmoniker meinte: «Er praktizierte eine Überbescheidenheit, die nur ein Lauern im Hintergrund war. Plötzlich sprang er einen an wie ein Raubtier. Die Arbeit mit ihm glich einem Kampf auf Biegen und Brechen, als ginge es ums Leben.» Zweifellos gings dem Dirigenten ans Lebendige. Carlos Kleiber starb am 13. Juli 2004.

AlexanderWerner:Carlos Kleiber,Eine Biografie.
Verlag Schott, Mainz 2008, 590 Seiten, Fr. 50.90.

 

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Self-Portrait

Carlos El Club

 Carlos Kleiber Selbstporträt

Ironisches Selbstportät des jugendlichen Carlos Kleiber als Carlos Buti in Argentinien. Buti war ein bekannter populärer Sänger.

download (Buti)

Carlos Kleiber war ein sehr lebensfreudiger junger Mann. Dass er teils schüchtern war, vielleicht gerade deswegen, weil er die Freiheit jenseits alter Konformismen liebte, mag dieses Bild ein wenig bestätigen. Sein Vater Erich Kleiber wiies ihn etwa immer wieder darauf hin, wie schädlich das Rauchen sei. Carlos jedenfalls wird wie jeder junge Mann gefühlt haben in diesen Jahren, nur eben ein ganz wenig anders ... Pie war der familiäre Kosename.

 

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